Der Rahmen der eigentlichen Waldorfschule spannt sich bis zur 12.Klasse. Im Anschluss daran können sich in einer 13. Klasse diejenigen Schüler auf das Abitur vorbereiten, die diesen Abschluss anstreben – erfahrungsgemäß etwa die Hälfte der Schüler. Nach der 12. Klasse kann die Realschulabschlussprüfung abgelegt werden, in Einzelfällen ist auch ein Hauptschulabschluss schon vorher möglich. Der Lehrplan in der Oberstufe geht wieder von der Entwicklung der Schüler/-innen, die sich inzwischen im dritten Jahrsiebt befinden, aus. Sie lernen weiterhin in Epochen, haben jetzt aber auch im Hauptunterricht Fachlehrer/-innen. Was in den unteren Klassen in allen Fächern bildhaft angelegt worden ist, greifen die Oberstufenlehrer/-innen jetzt in einer neuen begrifflichen Form auf. An der Objektivität und Exaktheit der Naturwissenschaften schulen die Jugendlichen ein Denken, das die Welt ohne Vorurteile zu begreifen sucht. Indem sie sich intensiv mit deutscher und fremdsprachiger Literatur sowie mit Geschichte und sozialen und politischen Zusammenhängen auseinandersetzen, entwickeln sie ein Gefühl für menschliche Schicksale und für die Verantwortung, die damit verbunden ist. Waldorflehrer/-innen sind bemüht, den sensiblen Prozess, in dem sich die Jugendlichen in diesem Alter befinden, nicht durch eine frühzeitige Spezialisierung zu stören. Vielfalt im künstlerisch-handwerklichen Unterricht wie Schmieden, Korbflechten, Schneidern, Schreinern, Weben und Buchbinden verbunden mit unterschiedlichen Praktika, die den Fachunterricht nun ergänzen, schaffen die Grundlage für eine lebenspraktische Ausbildung, die dem jeweiligen Entwicklungsstand der Schüler/-innen entspricht. Wenn sich die Willens-, Gefühls- und Denkkräfte der Schüler/-innen gesund entwickeln können, treten die für dieses Alter typischen Phasen der Lustlosigkeit, der Kritiksucht und das Abgleiten in die Verehrung eines Idols nur als vorübergehende Stimmungen und nicht als ein lebensbestimmendes Element auf. Immer wieder wird die Befürchtung geäußert, die vielfältigen Aktivitäten an den Waldorfschulen könnten dazu führen, dass weniger Jugendliche zu qualifizierten Abschlüssen können als an Regelschulen. Die Erfahrung zeigt, dass diese Befürchtung unbegründet ist: Dadurch, dass die Heranwachsenden nicht nur intellektuell angesprochen werden, entwickeln sie Kräfte, die ihnen helfen, den Prüfungsanforderungen gewachsen zu sein.