Praktika

Jugendliche brauchen für ihre Persönlichkeitsentwicklung praktische Herausforderungen, durch die sie Erfahrungen über sich selbst und ihre Fähigkeiten erwerben. Der geregelte Schulalltag am Illerblick wird deshalb ab Klasse 9 immer wieder durch mehrwöchige Praktika unterbrochen. Der unmittelbare Kontakt mit den unterschiedlichsten Lebensbereichen soll Einblicke in die Welt der Erwachsenen geben und die Anwendbarkeit von in der Schule Erlerntem im Berufsleben erkennen lassen. Die Sozialkompetenz wird so auch in außerschulischen Zusammenhängen geübt und erhält eine Rückmeldung. Theoretisches Wissen kann auf seine Praxistauglichkeit geprüft werden. Unser Zentralanliegen ist: Der Weg ist das Ziel, also Persönlichkeitsentwicklung und Berufswahlvorbereitung. Aus unserer Überzeugung möchten wir unseren Schüler/-innen nicht Abschlusswissen eindrillen, sondern ihnen Anschlusswege ins Leben zeigen.

Handwerkspraktikum

Das zweiwöchige Handwerkspraktikum in der 9. Klasse steht am Anfang der vielfältigen Praktika in der Oberstufe unserer Schule. Die SchülerInnen bewerben sich selbständig und suchen sich die Betriebe und deren Gewerbe selber aus. Die Handwerksbetriebe ermöglichen den Schülern einen ersten Kontakt mit der Berufswelt, wozu kleinere überschaubare Betriebe gut geeignet sind. In dieser Praktikumszeit werden die SchülerInnen außerhalb der behüteten Schulgrenzen gefordert. Jeder wird sich mit Sicherheit an den ersten anstrengenden Achtstundentag erinnern. Die Vorstellungen der Schüler in Bezug auf die Praktikumsstelle werden oft von der Realität korrigiert. Zudem werden die Jugendlichen mit ihren tatsächlichen Fähigkeiten konfrontiert.

Gerade für Jugendliche in diesem Alter eignet sich ein Handwerkspraktikum besonders gut: Zum einen um Befriedigung in der am Abend sichtbar gewordenen, erledigten Arbeit zu finden (im Gegensatz zum Schulalltag, wo so unmittelbar selten ein Erfolg sichtbar wird), zum anderen um die Selbsteinschätzung an der Qualität der entstandenen Werkstücke zu korrigieren. Während der zwei Wochen werden die Schüler von einem schulischen Betreuer in den Betrieben besucht und führen ein Berichtsheft. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Erfahrungsaustausch unter den einzelnen Schülern nach der Beendigung des Praktikums.

Landwirtschaftspraktikum

Neben dem Handwerkspraktikum führt die Schule in der 9. Klasse auch ein Landwirtschaftspraktikum durch, bei dem die SchülerInnen für 3 Wochen auf einem Bauernhof leben und arbeiten. Die Hofbetreiber und Betreuer der Schule übernehmen für die Zeit des Praktikums eine große Verantwortung, der sich auch die SchülerInnen bewusst sein müssen. Ihrem Alter angemessen, in der Regel 15-16 Jahre, können die Jugendlichen nicht nur "zur Arbeit verschickt" werden und müssen dann "sehen, wie sie klar kommen", sondern es muss ein soziales Umfeld geschaffen sein, welches auch die Betreuung durch die Schule beinhaltet. Die SchülerInnen sind gefordert, sich in eine fremde Familie einzufinden und sich auf einen ungewohnten Arbeitsbereich einzulassen. In der Landwirtschaft ist die sachliche Notwendigkeit der Arbeit leicht zu erkennen, Tiere müssen nun mal täglich versorgt werden und die Abhängigkeit vom Wetter regelt oft die Arbeitszeit!

Die PraktikantInnen übernehmen verantwortungsvoll ihre Pflichten und sollten für ihre Mithilfe auch das angemessene Lob erfahren was nicht immer mündlich geschieht, aber oft bei den Praktikumsbesuchen zur Sprache kommt sowie im Qualipass nach Abschluss des Praktikums nachzulesen ist.  Gegenseitige soziale Regeln müssen beachtet werden, "lieb gewonnene" Gewohnheiten lockern hier häufig auf, auch wird ziemlich schnell klar, dass Bedürfnisse selber ausgesprochen werden müssen. Die persönlichen Fähigkeiten werden auf einmal bewusst wahrgenommen; Oft stellen die SchülerInnen mit Stolz fest, welche Anforderungen sie schon bewältigt haben und dass sie sich "das gar nicht zugetraut hätten". Eigene Erfahrungen helfen bei der Urteilsbildung. Die Vorstellungen vom "Landleben" und "Bauern" sind zumeist mit vielen Vorbehalten behaftet, die während der Vorbereitung aufs Praktikum mit den Schülern besprochen, aber nicht völlig ausgeräumt werden können. Auch deshalb ist das Führen eines Berichtsheftes sehr wichtig, um darin ganz persönliche Entwicklungen und Erkenntnisse zu dokumentieren.

Großes Betriebspraktikum

Für die Schüler der Freien Waldorfschule am Illerblick beginnt im zweiten Halbjahr der 10.Klasse das „Große Betriebspraktikum“. Dieses umfasst nach den Sommerferien auch das erste Halbjahr der 11.Klasse. Es soll die Jugendlichen über ein Jahr lang mit der Arbeitswelt vertraut machen und ist Kernstück unserer Oberstufe, mit der wir die schulischen Bildungsmöglichkeiten deutlich erweitern. Die Schüler beginnen mit einem zweiwöchigen Blockpraktikum und arbeiten ab der dritten Woche donnerstags und freitags in den selbst gewählten Betrieben; der Schul-Unterricht findet von Montag bis Mittwoch statt.

Während der Sommerferien kann der Praktikumsplatz einmal gewechselt werden, womit eine halbjährliche Mindestdauer eines Praktikums gewährleistet ist. Das „Große Betriebspraktikum“ beginnt in der 11. Klasse erneut mit einem zweiwöchigen Block und endet nach den Faschingsferien. Als Praktikumsplatz eignen sich Handwerksbetriebe, Dienstleistungsunternehmen, soziale Einrichtungen oder Praxen. Wichtig ist, dass die Jugendlichen durch unmittelbares Tun ihre Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln können. Hierdurch soll die Selbsteinschätzung gestärkt und das Verständnis für soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge vertieft werden. Hilfreich ist dafür eine gute Zusammenarbeit zwischen der Schule und den Ausbildern in den Betrieben. Dies wird auch durch Besuche der schulischen Praktikumsbetreuer unterstützt.

Die Jugendlichen führen über ihre Tätigkeiten ein Berichtsheft, das in regelmäßigen Abständen in Schule und Betrieb vorgelegt wird. Es bestehen keine Verpflichtung und kein Anspruch auf eine Vergütung, da es sich um eine schulische Maßnahme handelt. Über eine von der Schule abgeschlossene Schüler-Zusatzversicherung sind die Jugendlichen während des Praktikums versichert (Unfall und Haftpflicht). Auszuschließen sind Arbeiten nach §22 des Jugendarbeitsschutzgesetzes.

Feldmesspraktikum

Zu den Oberstufen-Praktika gehört auch ein Vermessungspraktikum (Feldmessen), das an unserer Schule am Ende der 10. Klasse stattfindet. Zu Beginn dieses Praktikums erhalten die Schüler eine kurze Einführung und lernen die Messgeräte kennen. Im Anschluss an diese Schulunterrichte bezieht die ganze Klasse ein Quartier in einer geeigneten ländlichen Gegend. Vor Ort vermessen die Schüler in festgelegten Gruppen während ein bis zwei Wochen das umliegende Gelände. Am Ende dieses Praktikums fertigt jeder Schüler einen Lageplan des vermessenen Gebietes an. Jeder Einzelne meistert je nach seinen individuellen Möglichkeiten die vielschichtigen Anforderungen des Praktikums. Wesentliche Zielsetzungen sind unter anderem:

  • Ein Disziplinierter Umgang miteinander und sinnvolle Arbeitsteilung beim Arbeiten in der Gruppe
  • Die gegenseitige Unterstützung sowie gemeinsam fachliche und soziale Probleme möglichst selbständig zu lösen
  • Sinn und Zweck einsehen, sowie die Durchführung der einzelnen Messverfahren verstehen und bezüglich der Gesamtunternehmung einordnen können
  • Ein sachgerechter Umgang mit verschiedenen Gerätschaften und je nach Messverfahren eine vorgegebene Mindestgenauigkeit erreichen
  • Durch das Zusammentragen aller Gruppenergebnisse zu einem Gesamtprojekt, ist gegenseitiges Vertrauen und Toleranz der Gruppen untereinander gefordert
  • Anwenden der in Klasse 10 erlernten Begriffe aus der Trigonometrie. Mit dem zeichnerischen Umsetzen der errechneten Koordinaten wird zugleich ein Vorblick auf die Mathematik des 11. Schuljahres geworfen.
  • Aufbringen von Konzentration und Ausdauer muss in erhöhtem Maße sowohl beim Messen und Auswerten der Messungen als auch beim Kartezeichnen
  • Das Umsetzen der Messwerte in eine allgemein verständliche Zeichnung, die anschließend, je nach individuellen Vorlieben, farbig oder in schwarzweiß ausgestaltet werden kann

Aus dem Dargestellten dürfte ersichtlich sein, dass dieses Vermessungspraktikum weit mehr als nur angewandte Mathematik ist. Es ermöglicht aber auch so genannten schwächeren Schülern – durch die starke Betonung des Praktischen im Tun – das in der Mathematik Gelernte auf eine andere Art und Weise nochmals zu begreifen und dadurch zu einer dauerhaften Vertiefung zu gelangen. Während des außerschulischen Aufenthaltes sollten die Schüler, wenn möglich, an die Grenzen der Belastbarkeit geführt werden.

Beispiel: Wer mag schon freiwillig eine 120 Meter lange Strecke, die durch mühsames Anlegen von fünf Meter langen Stangen vermessen wurde, noch einmal messen, nur weil die Differenz zwischen Hin- und Rückweg 20cm beträgt? Hier muss das gemeinsame Tun beim Messen von der Gruppe kritisch hinterfragt werden. „Was müssen wir anders machen, damit wir besser werden?“ In solchen Situationen zeigt sich dann, in wie weit die Schüler bzw. die Gruppe ihr Tun als für die Gemeinschaft sinnvoll ansehen und das Persönliche hinten anstellen können – oder ob das Persönliche noch der Hauptmaßstab für die eigene Beurteilung ist („das Längenmessen ist echt ein Sch…“). Das Vermessungspraktikum bietet den Schülern jedenfalls eine gute Gelegenheit, sich in solchen Grenzsituationen kennen und  selbst besser einschätzen zu lernen. Der persönliche Gewinn eines jeden einzelnen hängt dabei von der individuellen Bereitschaft, sich auf die Unternehmung einzulassen ab.